Ex-Alkoholikerin erzählt von Tiefpunkt und Sieg über Sucht.

Die Deutschen tranken 2016 pro Kopf insgesamt 11,4 Liter reinen Alkohol und lagen damit weltweit in der Spitzengruppe der Alkoholkonsumenten. Aber auch in anderen europäischen Ländern ist der Verbrauch von Wein, Bier oder Spirituosen hoch, manchmal sogar noch höher. In Großbritannien etwa lag der Pro-Kopf-Verbrauch im selben Jahr bei 12,3 Litern.

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Wie schnell jemand in den Alkoholismus abdriften kann, wird leider von sehr vielen Menschen unterschätzt. Die heute 32-jährige Britin Leanne Stillings musste diese leidvolle Erfahrung am eigenen Leib mitmachen. Die junge Frau kann es heute noch immer kaum fassen, dass die Sucht sogar eine Diebin aus ihr machte, die selbst vor dem Hab und Gut der eigenen Mutter nicht zurückschreckte.

Mit 18 Jahren begann Leannes verhängnisvolles Abdriften in den Alkoholismus: „In dem Alter ging ich mit Freunden in Clubs. Weil ich sehr schüchtern und unsicher war, trank ich süße, zuckerhaltige Mixgetränke. Das gab mir genug Selbstvertrauen, um zu tanzen und zu flirten“, erzählt Leanne.

Zunächst war ihr Alkoholkonsum noch verhältnismäßig moderat. Mit 23 Jahren lernte sie jedoch jemand kennen, mit dem sich alles änderte: „Ich war mit einem Barbetreiber zusammen und entdeckte den wahren Reiz des Alkohols. Mir gefiel es immer besser, betrunken zu sein. Ich war lustig, quirlig und selbstsicher. Jeder schien die betrunkene Leanne lieber zu haben als die nüchterne.“

Weil sie in der Kneipe ihres Freundes arbeitete, fiel es nicht gleich auf, wie viel Alkohol sie tatsächlich konsumierte. Während der durchschnittliche Gelegenheitstrinker etwa ein oder zwei Bier trank und dann ging, blieb die junge Frau und genoss ein Glas nach dem anderen. Nach zwei Jahren trennte sich Leanne von ihrem Freund und zog wieder bei ihren Eltern ein. Ihre neuen Trinkgewohnheiten konnte sie aber nicht ablegen. In jener Zeit begannen ihre Freunde, Familien zu gründen, und gingen folglich nur noch selten aus. Obwohl Leanne hauptberuflich als Gutachterin arbeitete, fing sie wieder an, abends in einer Bar zu kellnern – eine gute Entschuldigung, um regelmäßig trinken zu können. Leanne nutze dabei jede Gelegenheit, während ihrer Schicht Schnaps oder andere Spirituosen zu stibitzen.

Selbst nach der Arbeit trank sie allein bei sich im Zimmer oder suchte ohne Begleitung andere Kneipen auf. Während dieser Zeit redete sich Leanne ein, dass sie kein Problem habe, und spielte ihren Konsum herunter. Doch ihre Eltern waren zunehmend besorgt.

„Rückblickend wird mir klar, dass jeder es wusste. Jeder wusste, dass etwas nicht stimmt. Meine Eltern blickten mich entweder sorgenvoll an oder diskutierten mit mir darüber, wie viel ich trinke. Und obwohl ich immer wieder in der ein oder anderen Beziehung war, verließen mich meine Partner, wenn sie herausfanden, dass ich eine Alkoholikerin war. Und genau das war ich auch.“

Es sollte jedoch noch schlimmer kommen. Als Leanne im Alter von 28 Jahren eines Abends betrunken – ihr Pegel überstieg das dreifache des Erlaubten – ins Auto stieg und von der Polizei kontrolliert wurde, verlor sie nicht nur ihren Führerschein, sondern auch ihre Arbeit. Ohne Fahrerlaubnis konnte sie ihrem Beruf als Gutachterin nicht mehr nachgehen. Das Gericht verurteilte sie außerdem zu einer Alkoholtherapie, die Leanne jedoch nicht ernst nahm.

Sie begann schon mittags, ja gar morgens mit der Trinkerei und stahl Geld und Wertgegenstände, um ihre Abhängigkeit zu finanzieren. Sie verpfändete sogar den Schmuck ihrer Mutter und verkaufte die Videospiele ihrer Nichte: „Es war ein Teufelskreis. Ich betrank mich buchstäblich bis zum Umfallen, nüchterte mich im Krankenhaus aus und trank weiter.“

Ende 2015 erreichte sie den Tiefpunkt. All ihre Freunde, Verwandten und Bekannten drängten sie dazu, sich Hilfe zu suchen. Außerdem waren ihre Eltern, die ihre Tochter nie aufgegeben hatten, kurz vor dem Nervenzusammenbruch, weil Leanne nur knapp dem Tode entkommen war. Sie hatte eines Tages exzessiv Wein und Schmerzmittel konsumiert, war bewusstlos aufgefunden worden und hatte reanimiert werden müssen. Erst danach ging Leanne für sechs Monate in eine Entzugsklinik – jedoch mit Widerwillen. Es dauerte mehrere Wochen, bis sie ihr Problem wirklich akzeptierte und ihre Abhängigkeit anerkannte.

Sie gestand sich ihr geringes Selbstbewusstsein ein und lernte mit ihren Unzulänglichkeiten zu leben. Seitdem hat sie einen Neustart vollbracht, ist trocken und leistet Freiwilligenarbeit für eine Wohltätigkeitsorganisation. Nebenher studiert sie und widmet ihre Zeit sinnvolleren Dingen.

„Ich bin nicht mehr diejenige, die ich vor meinem Alkoholkonsum war. Dieser Mensch fühlte sich ohne Alkohol nicht 'ganz' an. Jetzt, im Alter von 32 Jahren, fühle ich mich endlich ausgefüllt und glücklich.“

Leannes tragische Geschichte zeigt, wie gefährlich Alkoholkonsum sein kann. Ihr geringes Selbstbewusstsein und eine verhängnisvolle Bekanntschaft haben den Weg in die Sucht geebnet. Glücklicherweise hatte sie genügend Unterstützung, Kraft und Einsicht, um ihre Abhängigkeit zu besiegen. Möge ihr eine glückliche Zukunft ohne Alkohol bevorstehen!

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