Prostituierte soll Kinder zu Tränken verarbeitet haben.

Anfang des 20. Jahrhunderts gingen in Barcelona in Spanien furchtbare Gerüchte um. Die Menschen hatten guten Grund, ängstlich zu sein – auch in einer großen Stadt wie dieser konnte es nicht unbemerkt bleiben, dass immer wieder kleine Kinder verschwanden und niemals wieder gesehen wurden.

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Dies mag zum Teil eine grausame Alltagsrealität gewesen sein, denn die Lebenssituation in Barcelona war in jenen Zeiten äußerst hart. Die Stadt wandelte sich gerade von der ländlichen Gemeinde zur modernen Metropole mit Kasino und Vergnügungspark. In nur 40 Jahren hatte sich die Bevölkerung fast verdreifacht. Auf der Suche nach Arbeit in den Fabriken strömten die Menschen vom Land herbei und mussten auf viel zu engem Raum und unter sehr ärmlichen Bedingungen leben. In vielen Häusern lebten 40 bis 50 Menschen, andere mussten auf den Dächern und in Tavernen übernachten. Krankheiten und Obdachlosigkeit waren ebenso elender Alltag wie Kinderarbeit und Verbrechen.

Doch es verschwanden so viele Kinder spurlos, dass dieses Phänomen den Menschen selbst in diesen desolaten Zuständen auffiel und sich nicht länger ignorieren ließ. Die Zeitungen schrieben immer mehr darüber und die Rufe nach Aufklärung wurden immer lauter und wütender.

Als der Zivilgouverneur der Stadt, Portela Valladares, verkündete, es sei Unsinn und nicht wahr, dass in den letzten Monaten viele kleine Mädchen und Jungen verschwunden seien, verschärfte sich die öffentliche Stimmung Barcelonas noch weiter – die Menschen wussten, dass sie belogen wurden.

Inmitten dieser sich zuspitzenden Situation lebte Enriqueta Martí, eine typische Bewohnerin der Elendsviertel der Stadt.

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Martí war als junges Mädchen als Dienstbotin nach Barcelona gekommen und dann schnell von der Arbeitslosigkeit in die Prostitution abgerutscht. Jetzt jedoch war sie eine allein lebende Frau mittleren Alters, die keine Not mehr zu leiden schien. Ihre Nachbarin zeigte sie bei der Polizei an, da etwas an ihr „seltsam“ sei, und am 27. Februar 1912 wurde ihr Haus durchsucht.

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Man fand zwei kleine Mädchen bei ihr, Angelita und Teresita. Martí behauptete, Angelita sei die Tochter ihrer Schwägerin und Teresita eine Waise, die sie auf der Straße aufgelesen habe, aber diesen Erklärungen wurde wenig Glauben geschenkt. Angelita war tatsächlich die Tochter ihrer Schwägerin, aber das andere Kind war die kürzlich entführte, fünf Jahre alte Teresita Guitart. In der Wohnung fand man blutige Kleider und Knochen – eine dunkle Legende nahm Gestalt an.

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Kurz zuvor hatte die Polizei ein Bordell gestürmt, in dem Kinder zur Prostitution gezwungen wurden. Das Geschäft mit jedem noch so schrecklichen Wunsch blühte und die Nachfrage bestimmte das Angebot. Martí selbst war 1909 verhaftet worden, weil sie ein ähnliches Kinderbordell geleitet hatte, war aber bereits wieder auf freiem Fuß.

Schnell wurde sie verdächtigt, die verschwundenen Kinder nicht nur entführt und in die Ausbeutung verkauft, sondern sie auch ermordet zu haben. Dass sie sich einen renommierten Anwalt leisten konnte und mit der Gefängnisleitung auf bestem Fuß stand, machte sie der Presse und Öffentlichkeit nicht gerade sympathischer.

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Die Martí zugeschriebenen Gräueltaten kannten keine Grenzen. Sie sollte die Kinder wie Vieh geschlachtet haben, um aus ihrem Blut, ihrem Knochenmark und ihrem Körperfett Tränke und Pasten gegen die Syphilis herzustellen. Diese Schauergeschichten brachten ihr den Namen „Vampirin von Barcelona“ ein.

Grausige Geschichten über die kindermordende Hexe Martí verkauften sich blendend – was die Öffentlichkeit hingegen nicht glauben wollte, waren ernüchternde Fakten. Als ein Arzt konstatierte, dass die Knochen aus ihrer Wohnung eindeutig von Tieren stammten, wurde er beinahe verprügelt. Zudem litt Martí an fortgeschrittenem Gebärmutterkrebs und damit einhergehenden heftigen Blutungen – doch niemand nahm an, dass das Blut aus ihrer Wohnung ihr eigenes sein könnte.

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Nach acht Monaten im Gefängnis starb Enriqueta Martí am 13. Mai 1913 an den Folgen ihrer Krebserkrankung, ohne dass jemals eine Anklage gegen sie erhoben werden konnte. Noch heute macht man sie für Dutzende von verschwundenen und tot aufgefundenen Kindern verantwortlich. In den Erzählungen ist sie zum spanischen Pendant von Englands Jack the Ripper geworden.

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War Enriqueta Martí eine skrupellose, böse Person, die Kinder zur Prostitution zwang und sich an ihrem Elend bereicherte? So viel kann als gesichert gelten. Aber war sie auch die Gruselgestalt, die aus Kinderkörpern magische Tränke braute? Man kann es nicht wissen.

Vielleicht wollen Menschen einfach lieber glauben, dass eine gewissenlose Person ein düsteres Wesen aus einem Schauerroman ist und nicht eine ganz gewöhnliche Verbrecherin.

Quelle:

El País

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